Into the wild. Wildnis pur auf Vancouver Island.

Seestern

Es gibt diese Orte auf der Welt, die einen sofort in ihren Bann ziehen und dann ein Leben lang nicht wieder loslassen. Einer dieser Orte ist für mich Vancouver Island. Ich hatte das Glück, ein ganzes Jahr in Kanada verbringen zu dürfen. Doch wenn mich heute jemand fragt, wo es mir dort am besten gefallen hat so ist die Antwort immer die Gleiche: Vancouver Island mit ihren uralten Regenwäldern, zerklüfteten Küsten und wilden Stränden.

Vancouver Island liegt im Südwesten der kanadischen Provinz British Columbia und ist mit 450 km Länge die größte Insel der Region. Die Pazifikinsel lässt sich vom Festland aus auf unterschiedlichen Routen mit der Autofähre erreichen. Wir entschieden uns für die Strecke von Horseshoe Bay nach Nainamo und erreichten nach nur 1.5 Stunden Vancouver Island. Von hier aus ging es weiter bis an die nördliche Spitze der Insel, in die kleine Gemeinde Telegraph Cove. Das ehemalige Telegrafenörtchen zählt gerade einmal 20 Einwohner und liegt umgeben von unberührten Regenwäldern mitten in der Wildnis. Warum wir hier sind? Wildlife! Denn durch die nahrungsreichen Gewässer rund um Telegraph Cove tummeln sich hier in den Sommermonaten zahlreiche Orcas, Buckelwale und Bären. Und die wollten wir natürlich sehen.

Die Nächte verbrachten wir in unserem Van auf dem etwas abseits gelegenen Campingplatz Cluxewe. Der von Bäumen umgebene Stellplatz befindet sich direkt am Meer in wunderschöner Natur.

Doch der Campingplatz bot noch ein weiteres Highlight: jedes Jahr im August ziehen unzählige Wildlachse durch die Gewässer um Telegraph Cove und springen dabei mehrere Zentimeter hoch aus dem Wasser. Ein Naturphänomen, für das es bis heute keine wissenschaftliche Erklärung gibt. Zahlreiche Angler nutzten die Gunst der Stunde und warfen ihren Angel am Strand des Campingplatzes aus. Und obwohl wir selbst nur Beobachter waren hatten wir das Glück, einen frisch gefangenen Lachs von einem der Angler geschenkt zu bekommen.

Nachdem wir den Fisch mit etwas Hilfe ausgenommen hatten, grillten wir ihn am Abend über dem Lagerfeuer. Und es war mit Abstand der beste Lachs, den ich je gegessen habe! Doch der Vorgang bliebt nicht ganz unbemerkt…vom Duft der gegrillten Lachse angezogen tauchte plötzlich ein Schwarzbär auf und schlich nur wenige Meter von uns entfernt um den Campingplatz. Die Nase hoch in den Wind gestreckt war er vermutlich sehr neidisch auf das leckere Abendessen auf unseren Tellern.

Mein absolutes Highlight und ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde, war die Grizzly Tour mit Tide Rip. Einmal täglich fährt der Touranbieter mit kleinen Booten raus ins Broughton Archipelo, das an der Küste von British Columbia liegt. Das Archipel besteht aus unzähligen, größtenteils unbewohnten Inseln, von denen viele bis heute nicht erschlossen sind. Hier befindet sich das Knight Inlet, ein 127 km langer, von Gletscherwasser gespeister Fjord, an dessen Küste eine der größten Populationen von Grizzlybären beheimatet ist. Bereits die zweistündige Fahrt ins Archipel war ein unvergessliches Erlebnis: blaues, glasklares Wasser, von Nadelbäumen bewachsene Inseln und unberührte Natur soweit das Auge reicht.

Und es sollte noch viel besser werden. Denn plötzlich sahen wir nicht weit von unserem Boot entfernt eine meterhohe Fontäne aus dem Wasser spritzen. Das aufgeregte Rufen unseres Kapitäns bestätige, was wir schon ahnten: ein Buckelwal! Wir konnten unser Glück kaum fassen! Noch nie hatte ich einen Wal in freier Natur gesehen. Ein Erlebnis, das immer ganz oben auf meiner “Bucket Liste” stand. Mehrere Minuten konnten wir beobachten wie der Wal vor unserem Boot aus dem Wasser sprang, bevor er schliesslich in den Tiefen des Ozeans verschwand. Mein Herz raste wie wild, was für ein unglaublicher Anblick!

Noch voll mit Glückshormonen erreichten wir schließlich unser Ziel. Jedes Jahr im August, wenn die Lachse vom Ozean Richtung Flüsse ziehen und der Wasserstand im Fjord gering ist, gehen die Grizzlybären hier auf “Fischjagd”. Und wieder hatten wir Glück. Wir sahen mehrere Grizzlies aus nächster Nähe beim Lachse jagen, darunter auch eine Bärenmutter mit ihren drei Jungen. Und das alles vor einer unglaublichen Kulisse: türkisblaues Wasser, uralte Wälder und im Himmel kreisende Weisskopfadler. Canada at its very best!

Nach einem kurzen Zwischenstopp in einem wunderschönen, auf Stelzen gebauten kleinen Dorf ging es zurück Richtung Telegraph Cove. Bei bestem Wetter saßen wir auf dem Deck unseres Bootes und ließen uns die Gischt ins Gesicht spritzen. Aber es sollte noch nicht das Ende unseres ereignisreichen Tages sein. Kaum hatten wir die Gewässer vor Telegraph Cove erreicht, tauchten plötzlich mehrere Orcas aus dem Ozean auf. Dabei hatten wir die Waltour doch erst für den nächsten Tag geplant! Völlig überwältig von all den Eindrücken und dem schier unfassbaren Glück, das wir auf dieser Tour hatten ließen wir den Tag bei Bier und Lagerfeuer ausklingen.

Die Tage in Telegraph Cove vergingen viel zu schnell. Ohne Probleme hätte ich hier noch sehr viel länger bleiben können. Aber natürlich ist auch der Rest von Vancouver Island absolut sehenswert.

Welche Orte neben Telegraph Cove definitiv noch auf eurer Liste stehen sollten, seht ihr hier:

  • Tofino:
    Das kleine, ruhige Surf-Mekka an Vancouver Islands Westküste liegt umgeben von zahlreichen Inseln am Clayoquot Sound. Trotz Surfshops und Restaurants ist das kleine Städtchen herrlich entspannt, denn es wohnen gerade einmal 2.000 Einwohner hier. In der Gegend gibt es viele tolle Strände zum Surfen oder Baden. Aufgrund der Lage liegt Tofino sehr häufig im Nebel, was dem Ort aber eine märchenhafte und mystische Stimmung verleiht. Essentechnisch kann ich den Foodtruck Tacofino wärmstens empfehlen. Der Truck steht auf dem Parkplatz des Surfshops “Live to Surf” und serviert leckere Tacos und Burritos.
  • Uclulet:
    Das winzige Dörfchen Ucluelet (ausgesprochen “Juklulet”) liegt nur 40 km von Tofino entfernt am Südende der Esowista-Halbinsel. Ucluelet ist noch kleiner und verschlafener als Tofino, was uns aber sehr gut gefallen hat. Von hier aus haben wir eine vierstündige Kajaktour in den Barkley Sound gemacht. Ebenfalls in Ucluelet liegt das Besucherzentrum des Pacific Rim National Parks.
  • Pacific Rim National Park:
    Der Nationalpark an der Westküste von Vancouver Island besteht aus Long Beach, den Broken Group Islands und dem West Coast Trail. Uralte Regenwälder, steinige Buchten und wilde Natur prägen den Park. Hier gibt es zahlreiche Wandermöglichkeiten, unter anderem den weltberühmten, 75 km langen West Coast Trail. Wir haben in der Nähe des Long Beach übernachtet, auf dem urigen Surfer Junction Campground. Auf dem Campingplatz kann man Surfstunden buchen oder Surfbretter ausleihen. Ein wirklich toller Platz!
  • Juan de Fuca Trail:
    Eine gute Alternative für den reservierungspflichtigen West Coast Trail ist der 47 km lange Juan de Fuca Marine Trail. Der Weg führt an der Küste entlang und trägt den Namen “Wilderness Trail” nicht zu unrecht: unebenes Gelände, zu durchquerende Flüsse und schlammige Wege. Dafür eine unglaubliche Natur und die Chance, jederzeit auf Schwarzbären zu treffen. Um den ganzen Trail zu laufen benötigt man vier Tage. Wir entschieden uns für eine Tageswanderung, was im Vergleich zum West Coast Trail auf diesem Wanderweg problemlos möglich ist. Da es kein Rundwanderweg ist sollte man sich vorab Gedanken machen, wie man zurück zum Ausgangspunkt kommt. Wir hatten Glück und trampten zurück zum Startpunkt.

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